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Von Würzburg nach Berlin: Protestmarsch der Flüchtlinge gestartet

19.09.2012Am Samstag, den 8. September 2012, nahmen viele Flüchtlinge ihren langen und beschwerlichen Marsch von Würzburg nach Berlin auf. Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, wollen sie in Berlin ankommen, um dann am Heinrichplatz in Kreuzberg für eine menschenwürdige Behandlung in deutschen Flüchtlingseinrichtungen zu protestieren. Dieser Protest wird in Form eines Camps stattfinden, in dem sich Tag und Nacht die Flüchtlinge aufhalten wollen. Trotz des dann wohl eher kalten Wetters wollen sie so ein Zeichen setzen für ihr Anliegen, das deutlich mehr Raum in der Öffentlichkeit verdient, als es derzeit hat. Das Landesjugendwerk der AWO Berlin unterstützt die Flüchtlinge aktiv bei ihrem Protest und setzt somit ein Zeichen für die Belange von Flüchtlingen in Deutschland.

Dieser Weg wird kein leichter sein – dies haben möglicherweise die Teilnehmer des Flüchtlingsmarsches vor Beginn ihrer Wegstrecke gedacht. Doch jetzt – gut eine Woche nach der ersten Etappe von Würzburg in Richtung Berlin – zeigt sich, dass es die richtige Entscheidung war. Die Öffentlichkeit stellt sich nämlich somit die Frage, was Menschen bewegt, solch einen anstrengenden, überaus langen Fußmarsch auf sich zu nehmen. Die hierdurch kreierte Aufmerksamkeit ist nämlich genau das, was die öffentliche und vor allem nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema „Asylpolitik“ erst in den Fokus rücken lässt.

Als am 19. März 2012 in Würzburg die Proteste der Flüchtlinge begannen, sprang der Funke zum Widerstand gegen menschenunwürdige Behandlungen innerhalb nur weniger Monate auf andere Städte über. Viele Menschen aus anderen Asylbewerberunterkünften solidarisierten sich mit dem Widerstand und sorgten somit dafür, dass die Protestgruppe deutschlandweit gewachsen ist und Unterstützung aus der Zivilgesellschaft erhält. Die Entscheidung für den Protestmarsch zeigt aber, dass bisher nur wenig Bewegung von politischer Ebene erfolgte. Die Kritikpunkte am geltenden Asylrecht sind klar formuliert. Insbesondere die Unterbringung ist in dieser Hinsicht wichtig: Die Residenzpflicht, die Flüchtlinge in Deutschland an einen bestimmten Landkreis bindet und somit Mobilität qua Gesetz verhindert, ist eine Vorschrift, die nicht nur Steine in den Weg legt, sondern vielmehr Menschen in einem bestimmten Raum „einsperrt“. Die Zuteilung staatlicher Leistungen stößt auch auf breite Kritik: Die Höhe finanzieller Zuwendungen ist zumeist viel zu gering für den täglichen Bedarf wie Lebensmittel, Fahrtkosten zur Schule oder zum Arzt, Hygieneartikel etc. Zu schlechter Letzt ist die Art und Weise der Unterbringung in meist abgelegenen Wohnheimen auf engem Raum eine nahezu unmenschliche Behandlung für Menschen, die in Deutschland Asyl suchen. Für Menschen, denen nur wenig geblieben ist. Für Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten und hier selbst erleben müssen, dass sie womöglich von den Behörden am liebsten wieder abgeschoben werden sollen.

Auf zwei Wegen wollen die Flüchtlinge nach Berlin gelangen: Einerseits auf dem bereits erwähnten Fußweg, andererseits mit einem Bus, der verschiedene Asyleinrichtungen anfährt und Vor-Ort-Aktionen ermöglicht. Bis zur Ankunft in Berlin werden viele begleitende Aktionen in den Städten auf der Weg- bzw. Fahrstrecke stattfinden, um die Bevölkerung für das Anliegen der Flüchtlinge zu sensibilisieren.

Das Landesjugendwerk der AWO Berlin unterstützt die Flüchtlinge bei ihrem Vorhaben ideell und auch praktisch. Mit einem großen Zelt für 30 Menschen, das auf dem Kreuzberger Heinrichplatz aufgebaut werden soll, leisten wir unseren Beitrag für den Erfolg der Proteste. Helft auch ihr den Flüchtlingen und sorgt dafür, dass eine breite Debatte zur Asylpolitik angestoßen wird – an deren Ende hoffentlich die Abschaffung der Residenzpflicht, die konstruktive Diskussion über Alternativen zur Unterbringung in separaten Flüchtlingseinrichtungen sowie die Abschaffung der Abschiebegesetze stehen wird.