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Sexuelle Vielfalt vs. Homophobie – was bewegt Berlin?

27.07.2012Im Jahr 2010 wurde im Rahmen der Initiative „Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“ (ISV) das Projekt QUEERFORMAT in der Kinder- und Jugendhilfe ins Leben gerufen. Hierbei geht es um die nachhaltige Aus- und Fortbildung von Multiplikator_innen zur Verankerung des Konzeptes der Akzeptanz sexueller Vielfalt und der Ablehnung von Homophobie in der Bildungsarbeit. Kinder und Jugendliche sollen lernen, aktiv homophobe Argumentations- und Handlungsstrukturen zu erkennen und kritisch mit ihnen umzugehen. Knapp zwei Jahre nach Start von QUEERFORMAT haben jedoch noch immer nicht alle Berliner Bezirke eigene Programme zur Qualifizierung im erwünschten Maße eingeleitet.

Ausschließlich die beiden Bezirke Mitte und Pankow sollen laut einer „Kleinen Anfrage“ des Berliner Abgeordnetenhauses an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft das Bildungskonzept vollständig umgesetzt haben. So begannen die Jugendämter der beiden Bezirke im April 2011 schwerpunktmäßig mit der Fortbildungsberatung und der Durchführung von Seminaren zur Umsetzung der Maßnahmen. Außerdem wurden sowohl in Mitte als auch in Pankow bereits lokale Aktionspläne gegen Homophobie entwickelt und somit die Themen sexueller Vielfalt als wichtige Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe benannt und in die fachliche Arbeit einbezogen. Die Jugendämter in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf haben ebenfalls mit den ersten Fortbildungsmaßnahmen begonnen. In den genannten vier Bezirken werden in naher Zukunft weitere Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt sowie die bestehenden Konzepte fortentwickelt.

In den restlichen Bezirken muss jedoch noch deutlich mehr an Arbeit investiert werden. Die Senatsverwaltung hat in ihrer Antwort auf die „Kleine Anfrage“ durchblicken lassen, dass diese Bezirke ihre Umsetzungsmaßnahmen forcieren müssen bzw. in Kooperation mit der zuständigen Fachrunde Kindertagesbetreuung der LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, zu welcher die AWO gehört, treten sollen. Besonders wichtig sei es in dieser Hinsicht jedoch, dass diese Bezirke (Steglitz-Zehlendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf, Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf, Spandau, Reinickendorf, Neukölln und Treptow-Köpenick) eigene lokale Aktionspläne entwerfen, die der Umsetzung der notwendigen Maßnahmen einen Koordinationsrahmen geben können.

Eine wichtige Maßnahme, um den Kindern und Jugendlichen die Botschaft der sexuellen Vielfalt vermitteln zu können, war die Erweiterung der Standards für die JuleiCa-Ausbildung (Jugendleiter_innenCard-Ausbildung) um das Modul „Sexuelle Vielfalt in der JuleiCa-Ausbildung“. Die erste Schulung hierzu fand im November vergangenen Jahres statt. Darüber hinaus wurden Schlüsselpersonen der Kinder- und Jugendhilfe zum Thema sexuelle Vielfalt qualifiziert: Dazu zählen u. a. die Jugendstadträt_innen und Jugendamtsdirektor_innen aller Bezirke, die Jugendhilfeausschüsse und die Leitungsrunden von Jugendämtern einiger Bezirke, der Berliner Landesjugendhilfeausschuss, die LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege sowie der Landesjugendring Berlin und die JuleiCa-Kommission. Es zeigt sich jedoch, dass beileibe noch nicht alle wichtigen Vertreter der Kinder- und Jugendhilfe Berlins an einer Fortbildung in diesem wichtigen Themenbereich teilgenommen haben. Auch auf der Ebene der pädagogischen Fachkräfte wurde bislang nur ein geringer Anteil in dieser Hinsicht qualifiziert. Von den knapp 31.000 Fachkräften in Berlin wurden bisher nur knapp 800 in ein- oder mehrtägigen Veranstaltungen fortgebildet und mit entsprechendem didaktischen Material ausgestattet. In der zuständigen Senatsverwaltung sei man bemüht, deutlich mehr Fachkräfte auf freiwilliger Basis fortzubilden, doch greift dies bisher zu kurz. Auch weitergehende, verpflichtende Konzepte würden derzeit ausgearbeitet -  ein konkretes Datum zur Fertigstellung dieser Pläne wurde bisher leider nicht genannt. Das Thema „Sexuelle Vielfalt“ ist jedoch zu wichtig, um es von Seiten der Senats- und Bezirksverwaltung(en) weiterhin dermaßen nachrangig zu behandeln.

Die Berliner Arbeiterwohlfahrt – und somit auch das Landesjugendwerk – ist bereits seit März dieses Jahres aktives Mitglied im BÜNDNIS GEGEN HOMOPHOBIE und setzt sich getreu ihren Grundwerten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für die sexuelle Vielfalt und gegen Homophobie auf allen Ebenen der Gesellschaft ein. Der Landesvorsitzende der Berliner AWO, Hans Nisblé, sagt hierzu: „Sind wir nicht alle ein bisschen anders? – Gerade diese Vielfalt betrachten wir als wesentliche Ressource und Bereicherung im Zusammenleben. Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit, bezogen auf die Gleichbehandlung eines jeden Menschen, stellen für uns als AWO seit jeher die wesentlichen Grundpfeiler unserer Gesellschaft dar, die wir nicht nur auf Fahnen geschrieben sondern gelebt wissen wollen!“

In diesem Sinne muss die Realisierung der Qualifizierungsmaßnahmen in Berlin forciert werden, um Kinder und Jugendliche für das Thema Homophobie zu sensibilisieren und ihnen die Bedeutung des Konzeptes der sexuellen Vielfalt vermitteln zu können. Nur so werden wir es als Gesellschaft in Zukunft schaffen können, Homophobie aus unserem Alltag mehr und mehr zu verbannen!