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Energiewende in Deutschland und Japan – droht der erneute Ausstieg?

01.08.2012Der 11. März des vergangenen Jahres war der Tag, an dem das japanische Atomkraftwerk (AKW) Fukushima-Daiichi von einem Erdbeben und einem sich daran anschließenden Tsunami derart getroffen wurde, dass es zu Kernschmelzen in mehreren Reaktoren des Kraftwerks kam. Dieser größte anzunehmende Unfall (GAU) sollte die Diskussionen um die Energiewende in der Folgezeit weltweit anheizen. Mehrere Staaten der Welt stellten ihre Atompolitik auf den Prüfstand, darunter auch Deutschland. Die damals erst gerade verlängerten Laufzeiten der bestehenden AKW wurden nur kurz nach dem Desaster von Fukushima von der Bundesregierung wieder einkassiert. Stattdessen wurden verbindliche Laufzeitregelungen erlassen und sogar acht Kraftwerke völlig vom Netz genommen. In Japan wurden damals sogar alle 50 AKW-Reaktoren stillgelegt; zuletzt wurden jedoch zwei Reaktoren im AKW Oi wieder hochgefahren. Droht deshalb nun in Japan und vielleicht auch in Deutschland ein Ausstieg aus der Energiewende?

Vor einem Monat gab der neue japanische Regierungschef Yoshihiko Noda bekannt, dass die Reaktoren 3 und 4 des AKW Oi „zum Wohle der Menschen“ wieder hochgefahren werden sollten. Er begründete dies mit einer unsicheren Versorgung der japanischen Haushalte und Industriebetriebe mit eigens produziertem Strom, der deutlich günstiger als importierter Strom sei. Gegen diese Entscheidung regt sich seitdem ein gehöriger Protest: Am Montag haben in der japanischen Hauptstadt Tokio nahezu 170.000 Menschen gegen den Schwenk in der japanischen Atompolitik und gegen die Atomenergie allgemein demonstriert. Aktivisten haben bis Montag 7,85 Millionen Unterschriften landesweit gegen die Atomkraft sammeln können. Laut Umfragen lehnen sogar knapp drei Viertel der Japaner eine Renaissance der Atomenergie in ihrem Land ab, was angesichts der katastrophalen Folgen des GAU in Fukushima nicht verwunderlich ist. Ergebnisse einer aktuellen Berechnung von Forschern der Stanford University (USA) haben darüber hinaus dieser Tage aufgezeigt, welche gesundheitlichen Gefahren der Menschheit aus dem Atomunfall erwachsen könnten: Weltweit könnten bis zu 1.300 Menschen mehr an Krebs sterben als unter „normalen“ Umständen, die meisten von ihnen in Japan. Angesichts der latenten Gefahr weiterer Atomkatastrophen in anderen AKW ist es deshalb unverantwortlich, aus rein wirtschaftlichen Beweggründen eine Rolle rückwärts in der Atompolitik zu fahren.

Gegner des Atomausstiegs, die vor allem in den Reihen der großen Energieversorger und ihrer Lobbyisten zu finden sind, betonen jedoch, dass die Atomkraft eine saubere, regenerative und verhältnismäßig günstige Energieform sei. Unter Beachtung der Kosten und Gefahren der Urangewinnung für den Prozess der Kernspaltung und dem unsäglichen, weltweit weiterhin völlig ungelösten Problem der Entsorgung der radioaktiven Abfälle aus der Atomenergieproduktion, geht diese Gleichung allerdings nicht mehr so einfach auf. Dass die Atomkraft auf lange Sicht günstiger als die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas ist oder dass sie unabhängig von Wettereinflüssen im Gegensatz zu Wind- und Solarenergie ist, ist zwar nicht zu bestreiten. Doch muss man hier immer die Frage stellen, ob man es der Bevölkerung zumuten kann, eine Technologie zu nutzen, die im schlimmsten Fall eine Unzahl von Toten und Langzeitgeschädigten weltweit hervorrufen kann – und dies aufgrund der Schädigung des Erbguts über mehrere Generationen hinweg. Atomkraft ja oder nein – hierbei muss es vielmehr um Moral als um Wirtschaftlichkeit gehen!

Eine beliebte Behauptung der Atomindustrie war es in den letzten Monaten, dass die Katastrophe von Fukushima nur durch den Tsunami hervorgerufen worden sei und dass das vorherige Erdbeben keinen Schaden angerichtet hätte. Mit dieser Begründung wäre die Industrie aus dem Schneider, da man somit nur die Kraftwerke vor einem potenziellen Tsunami schützen müsste – und das würden nicht gerade viele AKW weltweit sein. Diese Argumentation gerät nun aber vermehrt ins Wanken: Eine Untersuchungskommission des japanischen Parlaments hat in ihrem vor kurzem vorgestellten Bericht festgestellt, dass das Erdbeben sehr wohl den Reaktoren Schäden zugefügt hatte. Der Betreiber des AKW hatte dies bisher immer bestritten. Mehrere Indizien würden nun aber dezidiert auf solche Schäden hinweisen. Letztlich würde dies bedeuten, dass weltweit unzählige Kraftwerke potenziell von Erdbebenschäden betroffen sind, darunter auch Kraftwerke im deutsch-französischen Grenzgebiet. Hierzu zählt das in letzter Zeit bereits mehrfach störanfällige AKW Cattenom in Lothringen (Frankreich). Auch Deutschland wäre also direkt von Atomunfällen betroffen, die durch Erdbeben hervorgerufen werden würden und somit auch in gewissem Grad wahrscheinlich wären. Eine weitere Gefahrenquelle – auch für deutsche AKW – wäre ein Flugzeugabsturz auf dem AKW-Gelände. Alle deutsche AKW wären im Falle eines Absturzes völlig ungesichert. Die beiden skizzierten Szenarien zeigen nur noch einmal, wie gefährlich die vermeintlich „sichere“ Technologie Atomkraft sein kann.

Die Bundesregierung sollte sich aus diesen Gründen hüten, vor der Atomlobby einzuknicken. Es geht um die Sicherheit der Bevölkerung und der Umwelt! Deswegen wäre es besser, die verbliebenen AKW lieber heute als morgen abzuschalten. Dass in solch einem Falle ein Energieengpass drohen würde, wie vielfach betont wird, scheint nicht der Wahrheit zu entsprechen. Deutschland hat auch nach Fukushima und der damit verbundenen Abschaltung von acht AKW weiterhin Strom exportiert, was auf einen Produktionsüberschuss schließen lässt. Trotzdem ist es richtig und wichtig, weiterhin die Energiewende hin zu regenerativen Energien wie Wind- und Solarenergie, Erdwärme, Biomasse oder Wasser- und Gezeitenkraftwerke anzutreiben, um sich auch sicher von dem letzten Rest Atomkraft und von den fossilen Energieformen lösen zu können. Der Bau von Stromtrassen oder die Entwicklung von Stromspeichern zur späteren Nutzung von Spitzen in der Stromproduktion muss forciert werden, um die Energiewende auf ein sicheres und nachhaltiges Fundament zu stellen.

Eine Renaissance der Atomkraft darf es nicht mehr geben – weder in Deutschland oder Japan, noch anderswo! Viele Staaten beherzigen diesen Aufruf jedoch nicht und investieren weiterhin in AKW – wie unsere Nachbarn Frankreich und Tschechien. Wenn die Bundesrepublik und andere Staaten aufzeigen können, wie man Atomkraft überflüssig machen kann, so muss man diese Möglichkeit beim Schopfe greifen und mutig vorangehen. Wenn es gute Vorbilder für die Energiewende gibt, werden sich andere Staaten – auch durch Druck aus der eigenen Bevölkerung – irgendwann anschließen. Oder wollen wir solange warten, bis es zu einem neuen GAU irgendwo auf der Welt kommt?