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Die Vorurteile über Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart

23.11.2012Im Jahr 1407 wurde die Ethnie der Sinti und Roma unter dem Begriff „zyginer“ erstmals im deutschsprachigen Raum erwähnt. Bis heute wird sie häufig als aussätzige oder gesellschaftsfremde Gruppe in mehreren europäischen Staaten angesehen. Die Vorurteile, die zur Verfolgung und – z.B. im Nationalsozialismus (NS) – auch zur versuchten Vernichtung dieser Menschen geführt haben, sind leider bis heute in unserer Gesellschaft präsent. Trotz der Einweihung des zentralen Mahnmals für die NS-Opfer unter den Sinti und Roma werden immer wieder populistische Töne unter einigen Politikern laut, die keinen konstruktiven Beitrag für eine Beschäftigung mit diesen Klischees darstellen. Warum sind eigentlich solche Vorurteile so langlebig, dass sie selbst heute noch Sinti und Roma entgegenschlagen?

In einer 1407 verfassten Urkunde der Bischofsstadt Hildesheim (im heutigen Baden-Württemberg) taucht er auf, dieser Begriff, der sich bis heute im deutschen Sprachgebrauch gehalten hat: „Zigeuner“. Er war eine Bezeichnung der damaligen Mehrheitsbevölkerung gegenüber einem zugewanderten „Volk“ aus dem Osten, das sich im 14. Jahrhundert aus historisch nicht gesicherten Beweggründen aus dem westlichen und mittleren Asien auf den langen Weg nach Westen gemacht hat. Die Bezeichnung „Zigeuner“  beinhaltete sowohl negative Bilder (das damals als verwerflich bezeichnete Umherziehen) als auch romantisierende Stereotypen (das befreite, exotische Reisen). In diesem Sinne leistete dieser Begriff eine Abgrenzung zwischen Einheimischen und Fremden, wie es im damaligen gesellschaftlich-religiösen Verständnis üblich war. In den vergangenen sechs Jahrhunderten wurde die Bezeichnung „Zigeuner“ jedoch mit derart vielen Klischees und Vorurteilen beladen, dass seine Benutzung aufgrund des diskriminierenden Charakters heute abzulehnen ist. Stattdessen wird von den Vertretern dieser Minderheit die Bezeichnung „Sinti und Roma“ verwendet, die viel prägnanter den Charakter einer wirklichen Ethnie unterstreicht.

Anhand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen wurde Indien als eigentlicher Herkunftsort der Sinti und Roma nachgewiesen, denn die eigene traditionelle Sprache Romanes, die nur ungefähr 700 Wörter umfasst, ist sehr eng mit der altindischen Hochsprache Sanskrit verwandt. Zwischen den einzelnen Roma-Gruppen hat sich das Romanes jedoch in verschiedene Dialekte aufgeteilt, sodass es durchaus regionale Unterschiede gibt. Die Aufteilung in Sinti und Roma liegt ebenfalls in solchen regionalen Differenzierungen begründet: Während sich die west- und mitteleuropäischen Angehörigen dieser Minderheit überwiegend als „Sinti“ bezeichnen, nennen sich ihre ost- und südosteuropäischen Angehörigen „Roma“.

In der 600jährigen Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland war ihre vermeintliche Fremdheit immer wieder Ausgangspunkt für Diffamierungen und Ausgrenzung. Standen sie anfangs noch unter dem Schutz der Obrigkeit, die ihnen sogar „Schutzbriefe“ ausstellte, wurden sie Ende des 15. Jahrhunderts jedoch in der politisch-sozialen Umbruchphase zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit zunehmend unterdrückt und verfolgt: Die Zünfte, die damals für Gewährung von Handwerksberufen zuständig waren, untersagten Sinti und Roma die Ausübung ihrer Berufe. Dies führte letztlich zur Vertreibung dieser Menschen und dem Beginn des „Antiziganismus“, der bis heute – mit unterschiedlicher Intensität – in unserer Gesellschaft präsent ist. Ursprünglich mit der Zuschreibung als „Verbündete des Teufels“ religiös begründet, entwickelten sich daraus Schuldzuschreibungen für soziale Missstände aller Art, die einem Sündenbock bedurften. Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts kamen rassistische Motive hinzu, die Sinti und Roma als „niederes, zurückgebliebenes Volk“ einstuften.

Selbst die Klassifizierung als „Volk“ ist falsch, denn aufgrund der regionalen Verschiedenheit kann man von einer homogenen Gruppe gar nicht sprechen. In den europäischen Ländern gibt es ganz verschiedene Realitäten, die historisch gewachsen sind: So waren die Roma in Rumänien bis 1855 Sklaven, im Osmanischen Reich Handwerker, auf der iberischen Halbinsel meist Landfahrer. In den von NS-Deutschland besetzten Ländern wurden sie verfolgt und ermordet; in der Türkei stattdessen integriert. Man sieht also, dass von einer einheitlichen „Roma-Kultur“ nicht gesprochen werden kann.

Die vor allem in osteuropäischen Staaten unter Roma verbreitete Armut ist im Übrigen ein Produkt der vergangenen zwanzig Jahre seit dem Ende des Eisernen Vorhangs. Vor 1989 gab es dort keine „Roma-Slums“, in welchen Angehörige dieser Minderheit wie Aussätzige leben (müssen). Es gibt dort viel zu wenige Arbeitsplätze für zu viele Menschen. Und bei der Vergabe der Arbeitsplätze werden nun einmal – leider – Roma benachteiligt. Dadurch erklärt sich die Armutsspirale, der diese Menschen in ihren Herkunftsländern ausgesetzt sind. Dass sie davor flüchten, verbunden mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, kann man ihnen nicht verdenken. Doch einige deutsche Politiker – darunter der Bundesinnenminister – meinen tatsächlich, dass diese Menschen von „sozialschmarotzerischen“ Beweggründen angetrieben werden. Diese pauschalisierenden Äußerungen sind letztlich nichts anderes als die Vorurteile, die ein großer Teil der deutschen Gesellschaft immer noch über Sinti und Roma hegt.

Eine Dekonstruktion dieser Klischees ist zwingend nötig, anderenfalls bleibt die im Oktober erfolgte Einweihung des Mahnmals für die etwa 500.000 vom NS-Regime ermordeten Sinti und Roma eine folgenlose Geste. Der Weg bis dahin war sowieso schon äußerst steinig: Mehr als zwanzig Jahre wurde über die Art und Weise des Mahnmals debattiert. Grund für dieses schleppende Verfahren waren nicht zuletzt die immer noch dominanten Klischees, die eigentlich erst 1982 zaghaft aufgebrochen wurden, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt den Genozid an den Sinti und Roma durch NS-Deutschland offiziell eingestand. Dies zeigt, dass noch viel Einsatz erbracht werden muss, um die gängigen Vorurteile Sinti und Roma gegenüber abzubauen. Natürlich lügen die Zahlen nicht, wenn knapp die Hälfte von ihnen in Deutschland keinen Schulabschluss hat und etwa ein Zehntel der jungen deutschen Sinti und Roma nicht einmal die Grundschule besuchte. Nur liegt dies wirklich an ihrer vermeintlichen „Andersartigkeit“? Oder konstruiert die Mehrheitsgesellschaft nur ein Stereotyp, das sich quasi als selbsterfüllende Prophezeiung letztlich bewahrheitet? Ist nicht vielmehr die weit verbreitete Diskriminierung Grundlage für diese Andersbehandlung? Das Fazit der vorherrschenden Klischees besagt ja schließlich, dass Sinti und Roma generell glücklich seien, selbst wenn sie unter erbärmlichen Bedingungen (wie in Osteuropa) leben: Es wäre nun einmal in ihre DNA gleichsam eingeschrieben.

Natürlich ist dies blanker Unsinn, doch zugleich muss man konstatieren, dass ein Großteil der Gesellschaft dies denkt und durch die Berichterstattung vieler Medien in dieser Ansicht bestätigt wird. Eine Änderung des derzeitigen Zustandes ist also dringend geboten, wenn wir nicht weiterhin einen Teil der Menschen von sozialer Teilhabe ausschließen wollen.