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Die Bürde der Strahlenarbeiter von Fukushima

10.06.2011Im japanischen Unglückskraftwerk Fukushima arbeiten tagein, tagaus unzählige Freiwillige daran, die Strahlenbelastung für Bevölkerung und Umwelt zu verringern. Dabei setzen sie sich einer großen Gefahr für die eigene Gesundheit aus. Seit knapp drei Monaten tritt aus den drei beschädigten Reaktoren Strahlung aus, wobei lange Zeit der genaue Wert der Strahlung nicht korrekt angegeben wurde. Ein Ende der Arbeiten an den Reaktoren ist vorerst nicht in Sicht. Die Belastung der Strahlenarbeiter bleibt somit immens.

Am 11. März diesen Jahres trafen ein verheerendes Erdbeben sowie der anschließende Tsunami das japanische Atomkraftwerk Fukushima Daiichi so heftig, dass es bei drei der sechs Reaktoren zu einer zumindest teilweisen Kernschmelze kam. Der Strahlenumfang konnte bisher nicht exakt beziffert werden, doch die Einstufung des Unglücks als Super-GAU auf einer Stufe wie die Reaktorkatastrophe im ehemals sowjetischen Tschernobyl gibt einen Eindruck vom Ausmaß der Katastrophe. Um die Belastung für Bevölkerung und Umwelt zu verringern, lässt Tepco, der Betreiber des Atomkraftwerks, tausende Freiwillige die Beschädigungen reparieren, um die Kernschmelzen in den Reaktoren einzudämmen und um eine für die Zukunft verantwortbare Lösung zu ermöglichen.

Diese Strahlenarbeiter sind einer unglaublich großen Strahlenbelastung ausgesetzt: Laut Tepco wurde am vergangenen Wochenende in Reaktor 1 eine Strahlendosis von bis zu 4.000 Millisievert pro Stunde gemessen. Zum Vergleich: Die von Wissenschaftlern als Grenzwert bezifferte Dosis, bei der keine akuten Schäden auftreten sollten, wird mit 250 Millisievert angegeben. Bis zu diesem Wert kann es jedoch zu Symptomen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Erbrechen und Durchfall sowie bei Männern zu Beeinträchtigungen der Zeugungsfähigkeit kommen. Weil auch Mutationen auftreten können, gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die Spätfolge Krebs.

Unter Medizinern ist Konsens, dass die Zunahme der Krebssterblichkeit 10 % pro Sievert beträgt. Bei 250 Millisievert sind dies folglich 2,5 %. Für die Arbeiter in Fukushima bedeutet dies demnach, dass sie einer viel höheren Wahrscheinlichkeit ausgesetzt sind, an Krebs zu erkranken. In Deutschland gilt wie in Japan auch eine natürliche Krebssterblichkeit von 25 %. Da die japanischen Strahlenarbeiter maximal 250 Millisievert ausgesetzt sein dürfen, ist ihre Krebssterblichkeit rein statistisch 27,5 %. Und dies ist ein relativer Unterschied von 10 % und somit nicht zu missachten.

Diese Menschen, die sich dort dieser unwahrscheinlich großen persönlichen Gefahr aussetzen, um weitere Folgen für ihre Mitmenschen zu verringern, arbeiten nach Betreiberangaben zwar freiwillig. Doch Berichte über Zwangsverpflichtungen von Mitarbeitern wollen nicht verstummen. Unabhängig ob freiwillig oder nicht, gebührt diesen Helfern ein großer Dank für ihre aufopferungsvolle Arbeit – eine Arbeit, die es niemals gegeben hätte, wenn man nicht so leichtgläubig mit der Risikotechnologie Atomkraft umgegangen wäre.

Die Katastrophe von Fukushima und die große Bürde der Strahlenarbeiter zeigt nur einmal mehr, dass Atomkraft unkalkulierbar für Mensch und Umwelt ist. Radioaktivität ist nicht sicht- oder spürbar, was es zu einer unheimlichen Bedrohung für die eigene Gesundheit macht. Die vielen Arbeiter am Reaktor werden wohl irgendwann die Folgen ihres Einsatzes spüren. Die vielen Opfer unter den sogenannten Liquidatoren am Reaktor von Tschernobyl geben nur eine Ahnung, welche Folgen Radioaktivität haben kann. Die Arbeiter von Fukushima mögen nicht der Strahlenbelastung wie ihre Pendants in Tschernobyl ausgesetzt sein. Alles in allem setzen sie aber ihre Gesundheit und die ihrer Nachkommen aufs Spiel – zur Bekämpfung von Folgen, die eine hochgradig gefährliche Technologie verursacht hat.