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Das Landesjugendwerk beim Fachtag des AWO Bundesverbandes zur Inklusion

12.12.2012Sind wir normal? Kurze und klare Antwort: NÖ! Mit dieser zentralen Aussage präsentierte das Landesjugendwerk der AWO Berlin seinen Standpunkt in der aktuellen Inklusionsdebatte. Anlässlich des Fachtages „Inklusion – eine Herausforderung in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe?!“, der vom AWO Bundesverband veranstaltet wurde, konnten wir unsere bisherige und aktuelle inhaltliche Arbeit zu dieser Thematik den Teilnehmenden vorstellen. Der Tenor aller Beiträge war, dass auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft noch viele Brocken aus dem Weg geräumt werden müssen.

Die Vielfalt aller Menschen, das Anderssein als Normalität oder die Aufmerksamkeit für die Einzigartigkeit: Diese Schlagworte stehen exemplarisch für die Ergebnisse der Fachtagung. Am Dienstag, den 04. Dezember 2012, lud der AWO Bundesverband in seine Zentrale nach Berlin-Kreuzberg, um über die Herausforderung Inklusion in der Kinder- und Jugendhilfe zu debattieren. Vertreten waren Teilnehmer_innen aus den verschiedensten Bereichen, mit denen Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Altersstufen in ihrem Alltag zu tun haben. Es ging um die Inklusion in der Kita, in der Schule, auf dem Übergang zwischen Schule und Beruf und nicht zuletzt auch um die Erfahrungen, die Jugendliche selbst zum Thema Inklusion gemacht haben. Bei letzterem Part konnten wir als Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen einige Schwerpunkte unserer Arbeit im Bereich Inklusion eigens vor den Gästen vorstellen.

Bereits zum Einstieg der Fachtagung hatten wir die Gelegenheit, einen Vorgeschmack auf die inhaltliche Gestaltung unseres Teils des Fachtages zu geben. Durch einen kurzen Trailer des Films „Blickwinkel“, der vom Verein „Löwenkind“ produziert wurde und in dem ausschließlich authentische Berliner Jugendliche mitspielen, konnten wir einen Einblick geben, wie inklusive Konzepte auch in der Kulturarbeit gewinnbringend für benachteiligte Jugendliche umgesetzt werden können. Dieser Film war der zweite seiner Art, der im Rahmen des Projektes „Verfilmt in Berlin“ gedreht wurde. Der Vorgänger „Treppenläufer“ hatte bereits den Ansatz verfolgt, dass alle Jugendlichen unabhängig von ihren vermeintlichen „Behinderungen“ gefordert und nicht nur gefördert werden müssen. Denn nur durch Anforderungen und die Bewältigung ebendieser können sie eine Selbstwirksamkeit erfahren, die unerlässlich für alle jungen Menschen ist und ihnen das Gefühl vermittelt: Hey, ich kann alles erreichen, wenn ich das Anderssein, das mich von anderen unterscheidet, als Normalität auffasse. Dieses Anderssein darf nicht dazu führen, dass man als ein Mensch mit einem Makel oder einer wie auch immer gearteten Behinderung eingestuft wird. Dieses Anderssein ist schlicht die Normalität!

Dieser Grundtenor setzte sich in allen Beiträgen des Tages fort: Behinderung ist nur eine Konstruktion! Die Überwindung dieses gesellschaftlichen Konstrukts kann aber nur durch nachhaltige inklusive Konzepte gelingen. In diesem Sinne ist bereits der Begriff „Integration“ ein großes Problem: Als ein Ansatz, der sich auf die Feststellung von Differenzen zwischen Individuen bzw. Gruppen konzentriert, versucht er, Gemeinsamkeit durch die Eingliederung von Menschen in eine Gruppe zu erreichen. Inklusion hingegen ist ein Ansatz, der das System an sich verändern will: Nur durch die Anerkennung der Einzigartigkeit aller Menschen werden vermeintliche Unterschiede zur Normalität und ein Klima geschaffen, in dem jede_r so aufwachsen kann, wie es für ihn richtig ist und nicht, wie es die sogenannte „Mehrheitsgesellschaft“ für vernünftig hält. Alle jungen Menschen müssen das Recht bekommen, mit gleichen Chancen aufzuwachsen. Vermeintliche „Einschränkungen“ dürfen dabei nicht ausschließend wirken. Existierende Zugangsbarrieren aller Couleur müssen erkannt und abgebaut werden: Nur so wird es möglich sein, den Weg zu einer inklusiven Gesellschaft zu beschreiten!

Im Rahmen unseres eigenen Beitrags konnten wir darüber hinaus drei Projekte vorstellen, die in diese Richtung abzielen. Zuerst griffen wir erneut den Film „Treppenläufer“ auf, den die Projektleiterin von „Verfilmt in Berlin“, Birgit Seemann, ausführlich vorstellte. Mittels des offiziellen Making-of-Videos konnten wir außerdem die Stimmen der jugendlichen Darsteller_innen dem Publikum präsentieren. Dies ließ einen guten Eindruck von den Erfahrungen Jugendlicher entstehen.

Danach präsentierten wir das Projekt „eScouts“, das bereits im vergangenen Jahr im Jugendclub „Judith Auer“ der AWO Südost angelaufen ist und aktuell in Kooperation mit uns fortgeführt werden soll. Hierbei geht es konkret um „eInclusion“, d. h. der Abbau von Zugangsbarrieren angesichts der fortschreitenden Digitalisierung unserer Gesellschaft. Beispielsweise sollen Jugendliche ihre Kenntnisse über den richtigen Umgang mit Computern und dem Internet mit älteren Mitmenschen teilen, die nicht in der Lage sind, wichtige bzw. vorteilhafte Angebote online zu nutzen. Darunter fallen z. B. Online-Behördengänge, Online-Ticket-Verkäufe für Veranstaltungen oder soziale Netzwerke. Im Gegenzug sollen Ältere ihre Lebenserfahrungen (Bewerbungstraining etc.) mit Jugendlichen teilen, sodass sich beide Gruppen an der Schnittstelle Computer treffen und gemeinsam eine positive Entwicklung nehmen können.

Abschließend konnten wir die bereits vor vier Jahren begonnenen Bemühungen des Jugendwerkes der AWO bzgl. inklusiver Konzepte darstellen. Von der Idee einer interkulturellen Öffnung ausgehend entstand das „Netzwerk Öffnung“ (NÖ), das sich mit der zentralen Aussage vom Beginn dieses Artikels auseinandersetzte: Sind wir normal? Die Antwort darauf war schlicht und einfach „NÖ“. Mittels einer kleinen, mit einem Augenzwinkern zu betrachtenden Umfrage wollten wir die Teilnehmer_innen der Fachtagung dafür sensibilisieren, dass Normalität als Kategorie insofern überdacht werden soll, dass nur das Anderssein normal sein kann. Denn schließlich entsprach keiner der Anwesenden exakt der oder dem Durchschnittsdeutschen, die bzw. den wir anhand eines kleinen spielerischen Textes anhand statistischer Kennziffern präsentieren durften. Das Fazit war das gleiche, das wir auch als Ergebnis des gesamten Tages ziehen können: Der Unterschied, die Einzigartigkeit ist die Gemeinsamkeit! Es ist das, was uns mit allen Menschen verbindet!