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Abenteuer statt Krieg – das falsche Bild der Bundeswehr

14.01.2013Es ist die Rede von Kameradschaft und Abenteuerlust statt Lebensgefahr und Krieg, von Pferden statt Panzern, von Übungen statt Kämpfen. Die Bundeswehr vermittelt in ihrer Werbung ein Bild, das alle negativen Elemente des Dienstes an der Waffe ausblendet. Erreicht werden sollen in erster Linie Jugendliche und junge Erwachsene, die der Armee seit dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht mehr automatisch zulaufen. Der freiwillige Wehrdienst ist ein Ladenhüter und die Abbrecherquote bei den jungen Freiwilligen ist deutlich höher als erwartet: Aber gestattet dies eine solch einseitige Reklame für die Bundeswehr?

Die Werbemaßnahmen der Bundeswehr bleiben weiterhin beschönigend: Nachdem wir bereits vor einem Vierteljahr von einzelnen Anzeigen in der „Bravo“ geschrieben hatten, hat die Bundeswehr in der Zwischenzeit ihre Bemühungen um junge Rekrut_innen für den freiwilligen Wehrdienst intensiviert. Allerdings werden dabei Bilder genutzt, die wenig mit dem Alltag einer Soldatin oder eines Soldaten zu tun haben. Beispielsweise nutzt man die Tatsache, dass auch Pferde zum Bestand der Bundeswehr gehören, indem man auf einem Reklamebild eine junge Frau neben einem Pferd im Stall zeigt. Daneben steht folgender Satz: „Josephine Wernike erfüllt sich einen Kindheitstraum. Sie arbeitet mit Mulis und Haflingern.“ Hier sollen bestimmte positive Emotionen transportiert werden, was an sich nichts Verwerfliches an Werbung ist. Schließlich ist dies ja genau der Zweck von Reklame. Jedoch wird hier die Realität in einem Maße verzerrt, sodass der tägliche Dienst als Rekrut_in nicht korrekt dargestellt wird.

Natürlich vermeidet die Bundeswehr in ihrer Werbung keine militärischen Begriffe, stattdessen werden sie beschönigt. Der Traum vom Fliegen bei jungen Menschen wird ausgenutzt, um für eine militärische Pilotenausbildung zu werben. Dass hierbei in letzter Konsequenz potenziell andere Menschen zu Schaden kommen oder gar getötet werden können, wird aber einfach ausgeblendet. Ein anderes Beispiel: Unter einem Panzer, der Truppen transportiert, steht als Bildunterschrift: „Taxi bitte“. Der militärische Transport wird somit zur zivilen Normalität erklärt. Bei allen Werbeaufnahmen ist niemals von Kampf die Rede; „Übungen“ werden zumeist genannt. Wörter, die Gefahren wiedergeben und Ängste auslösen könnten, werden einfach ausgespart. Bilder von Militärflugzeugen, Panzern oder Jeeps werden aus Winkeln aufgenommen, die sie imposanter aussehen lassen – meist in Verbindung mit Soldaten in zivilen Tätigkeiten wie Handwerkern oder Mechanikern. Menschen mit Waffen in den Händen kommen so gut wie gar nicht vor.

Der Hauptgrund für diese Art von Werbung liegt im Nachwuchsmangel der Bundeswehr begründet. Im Dezember absolvierten 11.150 von insgesamt 192.000 Bundeswehrsoldat_innen den freiwilligen Wehrdienst, der zwischen 7 und 23 Monate dauert. Die Obergrenze von 15.000 Freiwilligen wurde dadurch nicht erreicht, die Untergrenze von 5.000 jedoch überschritten. Im Vergleich zur Zeit des Pflichtwehrdienstes ist dies natürlich deutlich weniger, sodass eben Maßnahmen angestoßen wurden, um die Zahl von Freiwilligen zu erhöhen. Die vermeintliche Gefahr für die Bundeswehr liegt darin, dass bei zu geringem Nachwuchs irgendwann die Aufgaben, die die Bundeswehr beispielsweise im Ausland zu erfüllen hat, nicht mehr zu leisten sein würden. Stimmt dies wirklich? Die Zahlen der Zeitsoldaten, die sich für eine bestimmte Zeit für den Dienst an der Waffe verpflichten, entwickeln sich nämlich überaus positiv. So sieht das im Übrigen auch Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière. Warum nur schaltet die Bundeswehr dann Anzeigen wie die beschriebenen?

Womöglich liegt dies daran, dass bereits Jugendliche, vorwiegend Minderjährige, für die Bundeswehr begeistert werden sollen. Mit dem Verweis auf ein großes Abenteuer, die viel beschworene Kameradschaft in der Truppe und einem unschätzbaren Dienst für die Heimat werden junge Menschen intensiv umworben. Ein Stundenplan der Bundeswehr mit einem Eurofighter als Hintergrundbild spricht hier Bände – natürlich wird auf diesem Bild kein Abschuss einer Rakete gezeigt … Besonders Jugendliche, die beschränkte Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten haben oder aus ihrem Alltag ausbrechen wollen, fühlen sich von dieser Reklame angesprochen. Getreu dem Motto: „Hier kannst du etwas verdienen und was werden, selbst wenn du nur einen Hauptschulabschluss hast.“ Doch diese vagen Versprechungen sind trügerisch: Die Bundeswehrspitze sucht selbst eher nach Menschen mit gymnasialen oder mittleren Abschlüssen. Und indem mögliche Hürden und Gefahren aber nicht aufgezeigt werden, werden die jungen Rekrut_innen selbst nicht mit den Anforderungen an sie selbst konfrontiert. Dies spiegelt sich letztlich in den hohen Abbrecherquoten wider: Fast jede_r dritte Freiwillige scheidet bereits in der sechsmonatigen Probezeit aus dem Wehrdienst aus, wobei der große überwiegende Teil davon selbst hinschmeißt. Vielleicht sollte die Bundeswehr überlegen, warum sich diese Tendenz in den letzten Monaten sogar noch verstärkt hat. Liegt dies womöglich an den falschen Erwartungen, die sie selbst in jungen Menschen geweckt hat? Es ist noch nicht zu spät, die verzerrende Werbung endlich zu beenden und mit offenen Karten gegenüber Jugendlichen zu spielen.

Dieser Artikel besteht zum Teil aus Ergebnissen der Studie “'Die Zukunft im Visier' - Die mediale Selbstinszenierung der Bundeswehr gegenüber Jugendlichen auf www.treff.Bundeswehr.de" vom Institut für Medienkulturwissenschaft der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.